Rolf Bossi — das ist ein Name, der jahrzehntelang Staatsanwälte erzittern ließ und die Schlagzeilen der größten Zeitungen Europas füllte. Er wurde als „Star-Anwalt“ und „Schutzengel der Sünder“ bezeichnet. Der Münchner Jurist wurde zum Symbol für kompromisslose Verteidigung und bewies, dass das Recht auf Gerechtigkeit selbst in den schwierigsten Fällen unantastbar ist. Mehr über die Erfolgsgeschichte eines der bekanntesten Anwälte Münchens berichtet munichski.eu.
Wer war Rolf Bossi?
Dieser Name ist wirklich bekannt und wird mit dem Phänomen des deutschen Rechtssystems assoziiert. Rolf Bossi baute seine Karriere in München auf der Verteidigung jener Personen auf, von denen sich die Gesellschaft abwandte. Sein Stil kombinierte geschickt tiefe Psychologiekenntnisse, Artistik im Gerichtssaal und eiserne Logik. Es lohnt sich, mehr über seine Kindheit und den Beginn seines Werdegangs zu erzählen.
Er wurde 1923 geboren. In Interviews erzählt Rolf Bossi offen über die Hinrichtung seines Vaters durch die Nationalsozialisten im Jahr 1942. Im selben Jahr schloss Rolf das Gymnasium in München ab. Genau diese traumatische Erfahrung der Ungerechtigkeit wurde zum Anstoß, sein Leben der Verteidigung von Menschen zu widmen.

Der Weg zum Ruhm
Im Jahr 1952 wurde er in die Rechtsanwaltskammer München aufgenommen. Zunächst arbeitete er in der Kanzlei des Strafverteidigers Adolf Meyer.
Rolf Bossi begann seine Anwaltspraxis im Nachkriegsdeutschland. Obwohl das Justizsystem konservativ war, gelang es ihm dennoch, einen reformatorischen Geist einzubringen. Er war der Erste, der Psychiater als Experten hinzuzog. Seiner Meinung nach hatte der Seelenzustand des Angeklagten die gleiche Bedeutung wie die Tat selbst.
Ein interessanter Zug zum Porträt von Rolf Bossi. Trotz seines skandalösen Rufes als Verteidiger von Verbrechern betonte er stets:
„Ich verteidige nicht die Tat, ich verteidige den Menschen“
Für diejenigen, die sich für Recht und Psychologie interessieren, wird es nützlich sein, sich Interviews mit Rolf Bossi anzusehen. Sie werden einen Menschen sehen, der keine Angst hat, gegen den Strom zu schwimmen, indem er die am wenigsten sympathischen Mitglieder der Gesellschaft verteidigt, und seine einzigartige Philosophie der „schuldigen Justiz“ hören. Diese Philosophie hat ohne Übertreibung das deutsche Gericht verändert.
Die spektakulärsten Fälle von Rolf Bossi
In seiner langen Karriere führte Rolf Bossi tausende Prozesse. Erinnern wir uns an die spektakulärsten von ihnen.
- Der Fall Ingrid van Bergen. Rolf Bossi verteidigte die bekannte Schauspielerin, die ihren 33-jährigen Liebhaber, den Finanzmakler Klaus Knaths, in einer Villa am Starnberger See tötete. Er erreichte ein mildes Urteil, indem er an den emotionalen Zustand der Frau appellierte. Bossi baute die Verteidigung auf der These einer Tat im Affekt auf. Er bewies, dass die Schauspielerin durch Untreue und Demütigungen zur Verzweiflung getrieben wurde. Anstelle einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes erhielt sie nur 7 Jahre wegen Totschlags. Dies festigte Bossis Ruf als Anwalt, der einen Klienten selbst in einer aussichtslosen Situation „heraushauen“ kann.
- Jürgen Bartsch. Er verteidigte den Serienmörder (der mit besonderer Grausamkeit vier Jungen tötete) und bestand auf der Notwendigkeit einer Behandlung, nicht nur einer Bestrafung. Er analysierte detailliert den Fall des Serienmörders Jürgen Bartsch und erklärte, warum er ihn nicht für ein „Monster“, sondern für ein Opfer schrecklicher Erziehungsumstände hielt. Der Fall löste in Deutschland eine riesige Diskussion über die Kastration von Verbrechern und die Reform des Strafvollzugssystems aus. Bartsch starb im Krankenhaus während einer Operation, die Teil seiner „Behandlung“ sein sollte.
- Die Geiselnahme von Gladbeck. Dies ist ein bekannter Fall eines Banküberfalls, der sich in eine 54-stündige Reality-Show mit Verfolgungsjagden und Morden im Live-Fernsehen verwandelte. Bossi vertrat die Interessen eines der Verbrecher — Dieter Degowski. Der Anwalt kritisierte scharf das Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden während des Geiseldramas und behauptete, dass die Tragödie in mindestens zehn Situationen hätte verhindert werden können. Obwohl Degowski lebenslänglich erhielt, brachte Bossi das ganze Land dazu, über die Verantwortung des Staates zu sprechen.
- Verteidigung des Serienmörders Fritz Honka, der Frauen (vorwiegend Prostituierte) in seiner Wohnung in Hamburg tötete und Leichenteile hinter den Wänden versteckte. Dies war eines der abscheulichsten Verbrechen in der deutschen Geschichte. Den Verwesungsgeruch im Haus Honkas erklärte er den Nachbarn mit „spezifischen kulinarischen Vorlieben“. Der Anwalt appellierte erneut an die eingeschränkte Schuldfähigkeit. Er wies auf die schwere Alkoholabhängigkeit des Klienten, seine körperlichen Defekte und seine niedrige Intelligenz hin, um das Gericht davon zu überzeugen, dass Honka seine Handlungen nicht vollumfänglich begriff. Honka wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.
- Verteidigung des Entführers des Industrieerben Richard Oetker — Dieter Zlof. Der Entführer hielt ihn in einer Holzkiste gefangen, die an elektrischen Strom angeschlossen war. Durch einen technischen Fehler erlitt Richard Oetker schwere Verletzungen fürs Leben. Dieser Fall war für Bossi eine ethische Herausforderung, da das Verbrechen kaltblütig um des Geldes willen (21 Mio. Mark) geplant war, was seiner üblichen These vom „unglücklichen Opfer der Umstände“ widersprach. Dennoch kämpfte er bis zum Ende für die Einhaltung aller prozessualen Rechte seines Mandanten.

Warum seine Methoden revolutionär waren
Bossi besaß eine einzigartige Fähigkeit — er machte den Angeklagten in den Augen der Geschworenen zum „Menschen“. Die Praxis zeigte, dass dies eine wertvolle Fähigkeit ist, die hilft, das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Man kann mehrere Teile der juristischen Philosophie von Rolf Bossi hervorheben:
- er arbeitete meisterhaft mit der Presse zusammen und erzeugte die nötige Resonanz schon vor Beginn der Sitzung;
- er führte als Erster das Konzept der „verminderten Schuldfähigkeit“ als Standard-Verteidigungslinie ein;
- seine Reden dauerten Stunden und hielten den Saal in Spannung.
Im Jahr 1956 gründete der Anwalt seine erste eigene Kanzlei und arbeitete dort bis 2011. Danach gab er seine Zulassung zur Anwaltspraxis zurück. Er war ein Workaholic, da er bis zum Alter von 86 Jahren sieben Tage die Woche arbeitete. Seinen Worten nach gab es kein Problem, das ihn nicht berührt hätte.
Seine Erfahrungen hielt Rolf Bossi in dem Buch „Die gemachten Mörder. Wenn Jugendliche zu Tätern werden – Wege aus der Gewaltspirale“ aus dem Jahr 2007 fest. Das Buch von Rolf Bossi ist eine schmerzhafte Analyse und ein flammender Appell für eine bessere Erziehung, pädagogische Unterstützung, berufliche Ausbildung und ein Aufruf zum Handeln gegen schädliche Umwelteinflüsse.

Privatleben
Was verbarg sich hinter den glänzenden Reden im Saal? Es ist bekannt, dass Rolf Bossi zweimal verheiratet war, doch sein Privatleben war von tiefen emotionalen Herausforderungen geprägt.
Seine erste Frau verstarb im Jahr 2000. Zu dieser Zeit erzogen sie zwei Töchter: eine aus einer vorherigen Ehe, die zweite eine gemeinsame. Rolf Bossi hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner leiblichen Tochter. Er war gezwungen, sie selbst wegen Drogensucht bei der Polizei anzuzeigen, um ihr Leben zu retten.
Im Jahr 2002 fand er in zweiter Ehe mit seiner langjährigen Partnerin einen gewissen Trost und Liebe. Dies veranlasste ihn, sein gebürtiges München zu verlassen. Während er den Großteil seines Lebens im prestigeträchtigen Stadtteil Bogenhausen verbrachte, zog er nach seiner Pensionierung in die Heimat seiner zweiten Frau nach Gevelsberg.
Die letzten Lebensjahre verbrachte der berühmte Anwalt in Düsseldorf. Sein Lebensweg endete Ende 2015. Die letzte Ruhe fand er auf dem Nordfriedhof.
Vermächtnis
Rolf Bossi ging als ein Anwalt in die Geschichte ein, für den es keine hoffnungslosen Mandanten gab. Er lehrte die deutsche Justiz, nicht nur auf die Paragraphen des Gesetzes zu blicken, sondern auch in die Tiefe der menschlichen Psyche. Seine Methoden werden heute von jungen Juristen studiert, und sein Name bleibt ein Synonym für höchste Kunst in der Strafverteidigung.
Der Münchner Bildhauer Nikolai Tregor verewigte den Anwalt in Bronze. Er schuf eine Büste von Rolf Bossi und eine Gedenkmedaille. Dies erinnert einmal mehr daran, dass er zum Symbol einer ganzen Epoche in der Rechtswissenschaft wurde.
